06
OKT
2015

Zweisprachig lernen, wie die Gesellschaft funktioniert

Didaktiker der Goethe-Uni entwickeln Lehrplan für deutsch-englisches Schulfach „Politics, Economics & Culture“

trau. FRANKFURT. Am Nutzen von bilingualem Unterricht zweifele eigentlich kaum jemand, sagt Daniela Elsner, Professorin für Didaktik der englischen Sprache und Literatur an der Goethe-Universität. Wenn Schulfächer wie Geschichte oder Gesellschaftslehre in einer Fremdsprache erteilt würden, dann steigere das nicht nur die sprachliche und fachliche Kompetenz der Schüler, sondern auch deren interkulturelles Verständnis. Bedenken, unter dem bilingualen Unterricht könnte die Erstsprache leiden, seien durch Forschungsergebnisse widerlegt. So gesehen stelle sich bloß noch eine Frage, meint die Direktorin des Instituts für England- und Amerikastudien: „Warum haben wir nicht viel mehr bilingualen Unterricht?“

Ein Grund dafür ist, dass die curriculare Grundlage in Deutschland ziemlich dünn ist. Es gibt keine Lehrpläne, um etwa Politik oder Wirtschaft auf Englisch zu unterrichten. Diesen Missstand will ein Team der Goethe-Universität zusammen mit vier Schulen aus der Rhein-Main-Region beheben. Unterstützt vom Finanzdienstleister Axa Investment und der Stiftung Polytechnische Gesellschaft, wollen sie bis Juni 2018 ein sogenanntes Kerncurriculum für das Fach „Politics, Economics & Culture“ vorlegen. Kurz Pol-E-Cule genannt, könnte es nach der Bearbeitung und Genehmigung durch das Kultusministerium zum Standard für englisch-deutschen Fachunterricht werden.

Tim Engartner, Professor für Didaktik der Sozialwissenschaften, erhofft sich vom „E“ in Pol-E-Cule eine Stärkung der ökonomischen Bildung. Viele gesellschaftliche und politische Fragen seien nur mit Grundkenntnissen wirtschaftlicher Zusammenhänge zu beantworten. Das bedeute aber nicht, dass im Curriculum der ökonomische Rationalismus über allem stehen werde. Im Gegenteil sei es wichtig, die Schüler auf unterschiedliche Dimensionen des Menschen, vom Homo politicus über den Homo aestheticus bis zum Homo oecologicus, hinzuweisen und den Blick auch auf immateriell geprägte soziale Kontexte wie den der Familie zu richten.

Die Verknüpfung zwischen Forschung und schulischer Praxis ist bei dem Vorhaben eng – schließlich ging die Initiative von einer Schule aus: Michael Gehrig, Leiter der Phorms-Schule, hatte die Idee, dem bilingualen Unterricht ein wissenschaftlich fundierten Rahmen zu geben. Die Privatschule beschäftigt deutsche und englische Muttersprachler und unterrichtet bilingual, von der Eingangsstufe und der Grundschule am Standort Frankfurt bis zum Abitur im Gymnasium, das in Steinbach liegt.

Zur Phorms-Schule stießen das Frankfurter Heinrich-von-Gagern-Gymnasium, das einen altsprachlichen Schwerpunkt mit englischem Unterricht im Fach „Politik und Wirtschaft“ verknüpft, danach die Heinrich-Heine-Schule, eine Kooperative Gesamtschule in Dreieich, und schließlich das neue Gymnasium Frankfurt-Nied. Die Schulen wollen das Pol-E-Cule-Konzept von der sechsten Jahrgangsstufe an erproben, die Heine-Schule auch in ihren Haupt- und Realschulzweigen. Personifiziert wird das Zusammenspiel von Praxis und Forschung von Subin Nijhawan, einem jungen Lehrer, der am Gagern-Gymnasium auf Deutsch und Englisch unterrichtet und als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Goethe-Universität an dem Forschungsprojekt beteiligt ist.

Als Lehrer habe er gute Erfahrungen damit gemacht, Politik und Wirtschaft englisch zu unterrichten, sagt Nijhawan. Vokabeln, Grammatik und Redewendungen würden besser gelernt, weil sie in einem für die Jugendlichen relevanten und interessanten Zusammenhang stünden. Auch inhaltlich wirke sich die bilinguale Herangehensweise aus, sagt Nijhawan: Wenn er den Unterricht auf Englisch plane, dann gehe er bewusst komparatistisch vor, indem er zum Beispiel deutsche und angelsächsische Rechtsformen gegenüberstelle und deren Eigenheiten so besser herausarbeiten könne.

Marc Meller, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Professur für Didaktik der Sozialwissenschaften, sieht noch einen weite- ren Vorteil. „Wenn man sich mit Fachin- halten in einer Fremdsprache beschäftigt, dann muss man innehalten und neu über seine Begriffe nachdenken.“ Das Kerncur- riculum, das auf den sogenannten Bildungsstandards fußen soll und seinerseits als Basis für die jeweiligen Schulcurricula gedacht ist, solle über die hessischen Landesgrenzen hinaus zu mehr Verlässlichkeit im bilingualen Unterricht führen, sagt Meller. Es gehe zum Beispiel auch darum, eine gewisse Einheitlichkeit in den Anforderungen und Benotungen zu erzielen. So könnten Unternehmen aus dem Hinweis auf Pol-E-Cule im Lebenslauf auf die Qualifikation eines Bewerbers schließen.

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(von Matthias Trautsch, erschienen auf der FAZ Hochschulseite)

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